Warum kommt mein Kind abends immer wieder aus dem Bett?
Du hast heute Abend alles richtig gemacht. Geschichte vorgelesen, gesungen, noch ein bisschen gequatscht. Das Nachtlicht brennt, die Tür bleibt einen Spalt offen. Du sitzt endlich auf dem Sofa – und dann geht die Tür wieder auf. „Ich muss nochmal auf Toilette.“
Danach kommt „Ich kann nicht schlafen“, dann „Ich will nicht allein sein“. Aus zehn Minuten wird eine Stunde, und irgendwann sitzt du im Halbdunkel neben dem Bett, müde und ungehalten und unzufrieden mit dir selbst. Das Rufen und das Rauskommen sind dabei selten Taktik. Meistens sind sie der Versuch, sich etwas zurückzuholen, das dein Kind gerade nicht allein aufbringen kann.
Einschlafen ist die einzige Aufgabe, die dein Kind ganz allein bewältigen muss
Den ganzen Tag über hat dein Kind ein Gegenüber. Jemanden, der erklärt und tröstet, der die Dinge einordnet, an dem es ruhig werden kann, wenn es zu viel wird. Beim Einschlafen fällt genau das weg. Es soll herunterfahren, loslassen, sich der Dunkelheit überlassen – und zwar allein, ohne jemanden neben sich.
Das ist der einzige Moment am Tag, an dem wir das von einem Kind verlangen. Kein Wunder, dass es der schwierigste ist.
Und es ist nichts, was ein Kind einfach kann. Einschlafen ist etwas, das es lernt, über Jahre. Wer abends allein in den Schlaf findet, findet auch nachts allein zurück, wenn er zwischendurch aufwacht – und alle Kinder wachen nachts auf, mehrmals. Wer dazu jemanden braucht, ruft. Jedes Mal.
Und ausgerechnet jetzt wächst seine Fantasie
Etwa ab dem zweiten Lebensjahr entwickelt ein Kind eine enorme Vorstellungskraft, und sie bleibt bis weit ins Vorschulalter hinein sehr lebendig. Besonders deutlich wird das mit vier und fünf. In diesen Jahren sind Gedanke und Wirklichkeit noch nicht sauber voneinander getrennt: Was ein Kind sich vorstellt, kann dadurch da sein. Und auch Dinge erscheinen belebt – der Mantel über dem Stuhl ist nicht wie eine Gestalt, er ist eine, und der Schatten am Vorhang bewegt sich nicht nur, er will etwas.
Deshalb sind Ängste am Abend in diesem Alter eher der Normalfall als die Ausnahme. In einer Untersuchung mit Kindern zwischen vier und zwölf Jahren berichteten rund drei von fünf der Vier- bis Sechsjährigen von nächtlichen Ängsten – am häufigsten vor der Dunkelheit und vor ausgedachten Gestalten.
Und hier liegt etwas, das mir wichtig ist: Was da wächst, ist keine Schwäche. Es ist dieselbe Fähigkeit, mit der dein Kind tagsüber aus einem Karton ein Schiff macht und stundenlang in eine erfundene Welt eintaucht. Die Vorstellungskraft, die das Spielen möglich macht, macht abends auch das Monster möglich. Das ist ein Entwicklungsfortschritt – nur einer, der nachts anstrengend ist.
Warum „Da ist doch nichts“ nicht ankommt
Der naheliegende Satz führt deshalb selten weiter. Wenn du erklärst, dass es keine Monster gibt, sprichst du über eine Wirklichkeit, in der dein Kind gerade nicht steht. Es hört dann vor allem: Was ich fühle, zählt nicht. Und es erzählt dir beim nächsten Mal weniger davon.
Ernst nehmen heißt aber nicht, die Angst zu bestätigen und mitzusuchen. Es heißt, ihr einen Namen zu geben und dazubleiben: „Das Zimmer sieht im Dunkeln anders aus, ich weiß.“ Ein Kind, dessen Angst benannt wird, muss sie nicht mehr allein tragen – und genau dafür kommt es immer wieder heraus.
Was du versuchen kannst
Klärt zuerst zu zweit, was abends gelten soll – bevor ihr am Abend selbst etwas ändert. Wenn einer zurückbegleitet und der andere sich dazulegt, wenn heute verhandelt wird und morgen nicht, dann ist für ein Kind jede Nacht neu offen. Und was offen ist, wird ausprobiert. Warum das so schwer wieder aufzulösen ist, habe ich hier aufgeschrieben.
Dann hilft eine feste Abfolge am Abend mehr, als man ihr zutraut. Immer dieselben Schritte, in derselben Reihenfolge, ruhig und ohne Hast. Das ist einer der wenigen Punkte, für die die Schlafforschung wirklich gute Belege hat: Kinder schlafen dann schneller ein und wachen nachts seltener auf. Der Grund ist einfach – was vorhersehbar ist, muss nicht überwacht werden.
Gib deinem Kind außerdem etwas mit, das bleibt, wenn du gehst. Ein Kuscheltier, ein Tuch, das nach dir riecht, das Licht im Flur. Kleine Dinge, die die Verbindung halten, wenn du nicht mehr im Zimmer bist.
Und wenn dein Kind doch wieder herauskommt: möglichst wortarm zurückbegleiten, jedes Mal auf dieselbe ruhige Weise. Nicht als Strafe und nicht als neue Verhandlungsrunde, sondern damit die Antwort immer gleich aussieht. Verlässlichkeit beruhigt ein ängstliches Kind mehr als jede Erklärung – und sie hilft ihm, die Angst auszuhalten, statt ihr auszuweichen. Denn eine Angst, der man ausweicht, wird kleiner in dieser Nacht und größer auf Dauer.
Ob das bei euch trägt, kann ich von hier aus nicht sagen. Jede Familie ist anders, und genau das ist der Punkt.
Wann es sich lohnt, gemeinsam hinzuschauen
Wenn sich die Abende über Wochen nicht verändern, wenn sie euch beide auslaugen, oder wenn du merkst, dass du aus Erschöpfung Dinge zusagst, die du am nächsten Morgen bereust, dann ist das keine Frage von mehr Durchhalten. Dann lohnt es sich, den Blick zu weiten – auf den ganzen Tag, auf die Familiensituation, auf die Muster, die im Hintergrund wirken.
Genau das ist meine Arbeit. Ich schaue mit dir gemeinsam auf das Verhalten deines Kindes und übersetze, was es damit sagen will. Das ist keine Psychotherapie deines Kindes, sondern eine Begleitung für dich als Elternteil.
Wenn du magst, buch dir ein kostenloses Herzgespräch. Ein ruhiges Gespräch, in dem wir schauen, worum es bei euch gerade geht.
Kostenloses Herzgespräch buchen Lieber erst schreiben? → Schick mir eine E-MailSiehe auch: Warum wird mein Kind abends so wütend? · Warum akzeptiert mein Kind kein Nein?
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